100-h-Wochen kann man nicht ewig machen
Dr. Volker Oshege ist dieses Mal bei Mittelstars zu Gast und seine Karriere ist alles andere als der klassische Weg in den Vorstand einer Unternehmensberatung. Eigentlich wollte er Lehrer werden, studierte Geschichte und Sport auf Lehramt und promovierte anschließend über soziales Kapital. Kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase führte ihn der Zufall in die IT und schließlich in die Unternehmensberatung. Heute ist er Vorstand der viadee Unternehmensberatung AG, die rund 250 Menschen beschäftigt und etwa 50 Millionen Euro Umsatz macht.
Dabei hat Volker selbst erlebt, wie die klassische Beraterwelt Menschen an ihre Grenzen bringen kann. Internationale Projekte, ständig unterwegs, montags bis freitags kaum zu Hause. Ein Tag ist ihm bis heute im Gedächtnis geblieben. Für zwei Stunden Lenkungsausschuss war er insgesamt 17 Stunden unterwegs. Am Flughafen Helsinki stellte er sich schließlich die Frage, was er dort eigentlich macht. Heute steht er für eine andere Form von Unternehmensberatung und Führung, bei der Leistung und wirtschaftlicher Erfolg nicht automatisch 100 Stunden Arbeit pro Woche bedeuten müssen.
Auch das Eigentumsmodell von viadee ist ungewöhnlich. Mehr als 50 operativ tätige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind direkt am Unternehmen beteiligt und halten echte Aktien mit Stimmrechten. Niemand soll das Unternehmen allein beherrschen. Für Volker ist das die logische Konsequenz einer Unternehmenskultur, in der Menschen Verantwortung übernehmen, Entscheidungen mitgestalten und den Wert des Unternehmens jeden Tag selbst schaffen.
Im Gespräch mit Marcus Seidel geht es deshalb um Mitarbeiterbeteiligung im Mittelstand, moderne Führung, Unternehmenskultur und die Frage, wie viel Macht ein Vorstand überhaupt haben sollte. Volker erklärt, warum Entscheidungen dort getroffen werden sollten, wo Wissen und Erfahrung sitzen, warum ein Chef selbst zum Bottleneck für sein Unternehmen werden kann und weshalb New Work für ihn nichts mit Hängematte und Cocktails zu tun hat.
Spannend ist auch sein persönlicher Weg in den Vertrieb. Denn ausgerechnet der heutige Vertriebsvorstand konnte sich früher überhaupt nicht vorstellen, Vertrieb zu machen. Sein damaliges Urteil war eindeutig. Vertrieb sei für ihn wirklich „iBah“. Erst mit der Zeit entwickelte er ein anderes Verständnis davon und sieht guten Vertrieb heute als ersten Schritt zur Lösung eines echten Kundenproblems.
Natürlich sprechen Marcus und Volker auch über Digitalisierung und Künstliche Intelligenz im deutschen Mittelstand. Volker berichtet von einer regelrechten Schockstarre, die der KI-Hype zeitweise bei Unternehmen ausgelöst hat. Investitionsentscheidungen wurden verschoben, weil niemand wusste, welche Technologie in wenigen Jahren überhaupt noch relevant sein würde. Für ihn geht es deshalb nicht darum, jedem KI-Hype hinterherzulaufen, sondern Technologien realistisch einzuordnen und konkrete Anwendungsfälle für Unternehmen zu finden.
Eine Folge über Unternehmensberatung jenseits der bekannten Klischees, Mitarbeiter als echte Miteigentümer, Führung ohne One-Man-Show und einen Vorstand, der lieber Verantwortung verteilt, als alle Entscheidungen selbst zu treffen. Dr. Volker Oshege spricht offen über seinen ungewöhnlichen Karriereweg, seine Erfahrungen in der Beratung und darüber, wie Unternehmen leistungsfähig bleiben können, ohne ihre Mitarbeiter und ihre Kultur dem Wachstum unterzuordnen.
00:00:00-00:09:12 Vorstellung von Dr. Volker Oshege und der viadee Unternehmensberatung AG. Einblicke in seine Herkunft, die Abkehr vom Berater-Stereotyp und die Entwicklung der AG zu einem starken Beteiligungsmodell.
00:09:13-00:19:58 Details zur Unternehmensstruktur und Profitabilität. Es geht um lebensphasenorientiertes Arbeiten, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Abkehr von extremen Arbeitszeiten in der IT-Beratung.
00:19:59-00:31:14 Standortwahl durch Mitarbeiterinitiativen. Volker beschreibt seinen Weg vom Lehramtsstudium über die Promotion in die IT-Beratung und seinen Wechsel zum Projektmanager sowie Vertriebsvorstand bei viadee.
00:31:15-00:39:48 Fokus auf Ehrlichkeit und langfristige Kundenbeziehungen. viadee behauptet sich gegen große Mitbewerber durch technologische Exzellenz, lehnt unpassende Projekte ab und setzt auf authentisches Marketing.
00:39:49-00:49:39 Authentizität im Business und das Vergütungssystem: Grundgehalt, Tantiemen, bezahlte Überstunden. Erläuterung der Zeiterfassung mit Booky, flexible Arbeitsplätze und das Mitarbeiterbeteiligungsmodell.
00:49:40-00:59:51 Einblicke in Aktienbeteiligungen und wie dezentrale Entscheidungen das Unternehmen resilienter machen. Zudem: Herausforderungen im Mittelstand durch Legacy-Systeme und die anfängliche KI-Schockstarre.
00:59:52-01:11:34 KI im Unternehmen: Vom Hype zu echten Anwendungsfällen. Der Strategic Foresight Prozess hilft bei der Risikobewertung. Die Förderung intrinsisch motivierter Mitarbeiter und eigene KI-Plattformen im Fokus.
01:11:35-01:20:33 Digitale Souveränität, Arbeitgeber-Auszeichnungen und die Gemeinwohlbilanz von viadee durch Open Source. Zudem: Wie das Unternehmen den schmerzhaften Verlust eines großen, siebenstelligen Kunden erfolgreich abfederte.
01:20:34-01:30:08 Erfolgsgeheimnisse: Tech-Exzellenz und wertschätzender Umgang. Volker erklärt, wie Gewaltfreie Kommunikation (GFK) seinen Führungsstil prägt, man Bedürfnisse erkennt und ihm persönliches Coaching hilft.
01:30:09-01:39:53 Umgang mit Stress durch Walk-and-Talk-Meetings oder Speckbrett-Spielen. Ein politischer Wunsch nach mehr Kooperation statt Konkurrenz. Den Abschluss bilden eine kurze Schnellfragerunde und die Verabschiedung.
Über Dr. Volker Oshege
Dr. Volker Oshege – Der Mittelstar, der Verantwortung und Eigentum neu denkt
Dr. Volker Oshege steht für eine Form von Unternehmertum, die wirtschaftlichen Erfolg, Leistung und eine moderne Unternehmenskultur miteinander verbindet. Als Vorstand und Anteilseigner der viadee Unternehmensberatung AG führt er gemeinsam mit Rita Helter eine der etablierten unabhängigen IT-Unternehmensberatungen Deutschlands. Knapp 250 Mitarbeitende arbeiten heute für viadee an vier Standorten in Münster, Köln, Dortmund und Hannover. 2025 erwirtschaftete das Unternehmen 45,5 Millionen Euro Umsatz und betreut namhafte Kunden aus Banken, Versicherungen, Handel, Logistik und kritischer Infrastruktur.
Der Weg von Volker Oshege in die Unternehmensführung war dabei alles andere als vorgezeichnet. Er studierte Sportwissenschaft, Geschichte und Erziehungswissenschaft an der Universität Münster, machte sein erstes Staatsexamen und promovierte anschließend im Bereich Sportwissenschaft. Eigentlich wollte er Lehrer werden. Stattdessen wechselte er Ende der 1990er Jahre in die IT und arbeitete mehr als zehn Jahre für einen international tätigen Softwarehersteller als Berater und Projektmanager.
Diese Zeit prägte auch seine Vorstellung davon, wie Arbeit nicht aussehen sollte. Internationale Projekte bedeuteten für ihn viele Reisen und wenig Zeit für seine Familie. Besonders ein Erlebnis blieb hängen. Für zwei Stunden in einem Lenkungsausschuss war er insgesamt 17 Stunden unterwegs. Am Flughafen Helsinki stellte er sich schließlich die entscheidende Frage: „Was machst du hier eigentlich?“
2011 wechselte Volker Oshege zur viadee Unternehmensberatung. Zunächst arbeitete er als Projektmanager und Berater. Dabei hatte er ursprünglich weder vor, in den Vertrieb zu wechseln, noch eines Tages Vorstand zu werden. Im Gegenteil. Vertrieb war für ihn damals „wirklich iBah“. Doch aus der Arbeit mit Kunden entwickelte er ein anderes Verständnis von Vertrieb. Nicht möglichst viel verkaufen, sondern Probleme verstehen und Lösungen ermöglichen. 2015 übernahm er die Bereichsleitung Vertrieb, 2020 folgte der Wechsel in den Vorstand. Seit 2023 verantwortet er zusätzlich das Ressort Marktentwicklung.
Mitarbeiter werden bei viadee zu Miteigentümern
Besonders ungewöhnlich ist das Unternehmensmodell, das Volker Oshege heute mitgestaltet. 2018 wurde die viadee GmbH in eine nicht börsennotierte Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Aktien befinden sich nicht in der Hand eines einzelnen Unternehmers oder externen Investors. Mitarbeitende können selbst Anteile erwerben und damit zu echten Miteigentümern des Unternehmens werden.
Dahinter steckt eine klare Überzeugung. Der Wert einer Unternehmensberatung entsteht vor allem durch die Menschen, die jeden Tag für Kunden arbeiten, Wissen aufbauen, Verantwortung übernehmen und das Unternehmen weiterentwickeln. Für Volker Oshege ist es deshalb konsequent, Beteiligung nicht dort enden zu lassen, wo es um das Eigentum am Unternehmen geht.
Diese Haltung zeigt sich auch in seinem Führungsverständnis. Entscheidungen müssen für ihn nicht automatisch auf der höchsten Hierarchieebene getroffen werden. Sein Prinzip lautet: „Gib die Entscheidungsmacht dorthin, wo das Wissen und die Erfahrung ist.“ Führung bedeutet damit nicht, möglichst viel Macht auf eine Person zu konzentrieren, sondern Verantwortung sinnvoll im Unternehmen zu verteilen.
Dass dieses Modell wirtschaftlichen Erfolg und eine mitarbeiterorientierte Unternehmenskultur verbinden kann, zeigen auch die Ergebnisse der viadee. Beim Great Place to Work Wettbewerb 2026 erreichte das Unternehmen Platz 3 unter Deutschlands besten Arbeitgebern seiner Größenklasse, Platz 1 in Nordrhein-Westfalen und Platz 2 unter den besten Arbeitgebern der ITK-Branche.
KI im Mittelstand braucht Entscheidungen statt Schockstarre
Als IT-Unternehmer beschäftigt sich Dr. Volker Oshege intensiv mit der Frage, wie Künstliche Intelligenz Unternehmen, Arbeitsplätze und den deutschen Mittelstand verändert. Dabei warnt er sowohl vor Stillstand als auch davor, jedem neuen KI-Hype ungeprüft hinterherzulaufen.
Gerade zu Beginn des KI-Booms beobachtete er bei vielen Unternehmen eine regelrechte Entscheidungsstarre. Investitionen wurden verschoben, weil Verantwortliche nicht einschätzen konnten, welche Technologien wenige Jahre später überhaupt noch relevant sein würden. Für viadee liegt die Antwort deshalb nicht darin, Zukunft exakt vorhersagen zu wollen. Mit Strategic AI Foresight untersucht das Unternehmen systematisch mögliche Chancen, Risiken und Zukunftsszenarien, um auch unter hoher Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben.
Das gilt für Volker Oshege auch beim Thema Fachkräfte. Junioren einfach durch Künstliche Intelligenz zu ersetzen, hält er für den falschen Weg. Unternehmen würden damit langfristig ihre eigene Nachwuchsbasis zerstören. Stattdessen müssen junge Mitarbeitende lernen, KI produktiv einzusetzen und gemeinsam mit der Technologie einen größeren Wert für Kunden und Unternehmen zu schaffen.
Was macht Dr. Volker Oshege zu einem Mittelstar?
Dr. Volker Oshege ist ein Mittelstar, weil seine Geschichte viele der Fragen zusammenbringt, die den deutschen Mittelstand gerade beschäftigen. Wie gelingt ein Generationswechsel, ohne die Identität eines Unternehmens zu verlieren? Wie beteiligt man Mitarbeitende wirklich an Verantwortung und Erfolg? Wie schafft man eine leistungsorientierte Kultur, ohne Menschen in einer permanenten 100-Stunden-Woche zu verheizen? Und wie bleibt ein mittelständisches Unternehmen angesichts von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz entscheidungsfähig?
Seine Antworten darauf sind nicht theoretisch. Bei viadee werden sie im eigenen Unternehmen ausprobiert. Mitarbeitende können zu Anteilseignern werden. Verantwortung wird bewusst verteilt. Leistung und Wertschätzung werden nicht als Gegensätze verstanden. Gleichzeitig muss sich das Unternehmen jeden Tag im Wettbewerb einer anspruchsvollen IT- und Beratungsbranche behaupten.
Genau dieser Pragmatismus macht Volker Oshege zu einem spannenden Vertreter des modernen deutschen Mittelstands. Er steht nicht für New Work als Wohlfühloase, sondern für eine Unternehmenskultur, in der Menschen Verantwortung übernehmen und Leistung bringen können, ohne dafür andere Teile ihres Lebens dauerhaft aufzugeben.
Auch sein persönlicher Lifehack passt zu diesem Führungsverständnis. Volker Oshege sucht in Konflikten nach dem „guten Grund“. Angelehnt an die Gewaltfreie Kommunikation versucht er zu verstehen, welches Bedürfnis hinter einer Aussage oder Handlung steckt. Erst wenn klar ist, worum es einer Person tatsächlich geht, entsteht für ihn ein größerer gemeinsamer Lösungsraum.
Im Mittelstars Podcast spricht Dr. Volker Oshege mit Marcus Seidel offen über seinen ungewöhnlichen Weg vom Lehramtsstudium in den Vorstand einer IT-Unternehmensberatung, über Mitarbeiterbeteiligung und Eigentum, moderne Führung, Unternehmenskultur und die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf den Mittelstand. Eine Folge über Verantwortung, Veränderung und die Frage, wie Unternehmen gleichzeitig menschlich, leistungsfähig und zukunftsfähig bleiben können.
- Name: Dr. Volker Oshege
- Titel: Vorstand
- Unternehmen: viadee Unternehmensberatung AG
- Gegründet: 1994
- Mitarbeiter: 100–300
- Webseite: https://www.viadee.de/
Auf Spotify anhören
Auf Apple Podcasts anhören
Auf Amazon Music anhören





Höre auf Spotify